Fazit Einhand-Törn 23.12.-31.12.2020 Izola-Opatija

Um ab dem Jahr 2021 unsere SY OpenToBe auch für berufliche Events mit dem Medical IT Valley (Workshops und Flottillensegeln) in Kroatien zum Einsatz bringen zu können und auch privat zeitweise (#daheim2) dort zu leben oder zu arbeiten, war die Eigentumsüberführung zwischen Dezember und Februar umzusetzen. Insofern eine “notwendige” und zulässige Reise in Isolation, die ich einhand unternehmen würde. Einhand, also allein? Im Winter in der teils stürmischen Adria? Kalt? Nebel? Corona? Nebenbei auch keine Restaurants offen und oft keine Einkaufsmöglichkeiten? Und dann kam auch noch ein Erdbeben!
“Ist das nicht zu gefährlich?”

Einige individuelle Antworten darauf sehe ich wie folgt. Und vorausgeschickt mein Mitgefühl den Opfern des Erdbebens in Kroatien.

Eigentlich ist der Törn im Sommer kein großer Anspruch – abgesehen von der Einhand-Situation. Im Winter schaut es etwas anders aus.
Es ist nicht zu gefährlich zu dieser Jahreszeit, wenn man ein paar Voraussetzungen erfüllt. Ich sehe die meisten Punkte als eine Unterstreichung der Dinge, die man immer beim Segeln beachten sollte:

1. Das Wichtigste ist m.E. die Freude am Segeln zu jeder Jahreszeit: anspruchsvoll, viel Freude und Erlebnisse – empfehlenswert. Kurz bzgl. Corona neben der Tatsache, dass es eine erlaubte, notwendige und zulässige Reise war: Ich bin kaum anderen Menschen an Land begegnet, an Bord ohnehin alleine, in den wenigen Gängen zur Marina Rezeption oder Polizei beim Ausklarieren in Slowenien und Einklarieren in Kroatien (stand dabei in der offenen Tür) und auch beim Anlegen im kurzen Kontakt außen mit den Marineros: hatte stets gute FFP2-Masken auf.

2. Der Einhand-Skipper muss m.E. über eine sehr gute Ausbildung und möglichst viele oder einige Jahre Erfahrung verfügen. Ich halte grundsätzlich nur etwas von “Ausbildung + Erfahrung” (meine nicht nur Scheine mit gedrillten MOB-Manövern, sondern gute ganzheitliche Ausbildung), da das reine Lernen aus “Versuch + Irrtum” zu viele Risiken in den Irrtümern hat – speziell auf einem solchen Törn kann man sich keine schweren Irrtümer leisten. Und dass es prominente Segler in “Selbstausbildung” als Ausnahme gibt, ändert an dieser Regel nichts. Man muss in der Lage sein, ein grundsätzlich einhandtaugliches Schiff auch einhand mit sehr guten Manövern auf See, im Hafen, an Molen etc. bei allen Winden und in allen Situationen zu beherrschen. Hafenmanöver mit Leinenarbeit etc. müssen 1a sitzen, das Material soll heile bleiben – auch bei Bootsnachbarn!

3. Das Schiff muss m.E. in einem regelmäßig und frisch gewarteten Zustand sein, um ein Bruch des Materials oder einen Ausfall der Maschine möglichst zu vermeiden. Werkzeug und Ersatzmaterial an Bord. Ein Schiff mit Wartungsstau ist ungeeignet um auf Törn zu gehen, insbesondere einhand im Winter.

4. Ausreichend Zeit muss m.E. eingeplant sein: Wer auf die passenden Zeitfenster warten kann und Stürme (hatten bis 50kn Jugo) in den Marinas abwettert, kann das sicher bewältigen.

5. Strecktaue an Deck, Rettungsweste und Lifeline m.E. unbedingt nutzen, um noch mehr als ohnehin beim Segeln sicherzustellen, dass man unter keinen Umständen über Bord geht. Zudem 2 weitere Handfunkgeräte, ein Ocean Signal RescueME PLB1 (Satellit und Flugfunk) an der Segeljacke, um im unwahrscheinlichen Fall des Überbordgehens wenigsten noch etwas reagieren zu können. Sonstige Sicherheitsausrüstung wie gewartete Rettungsinsel usw. ist selbstverständlich.

6. AIS, NAVTEX m.E. sinnvoll: Das AIS an Bord hat sich sehr gut bewährt, zumal es auch erlaubt, dass das Schiff übers Internet getrackt / verfolgt werden konnte. Damit hatte die segelerfahrene Familie einen Blick aufs Geschehen, da wir uns zu meinen Plänen ausgetauscht haben – habe mich beim Ablegen kurz daheim über WhatsApp gemeldet – mein Vater als sehr erfahrener Skipper und Segellehrer war immer dicht am Rechner oder Smartphone “dabei” und gut im Dialog zu Wetter und Plan. Das NAVTEX ist eine gute Ergänzung, man bekommt die NAVTEX-Meldungen aber auch aus dem Internet.

7. Regelmäßige Wetterarbeit incl. Funkwetter m.E. ein Muss. Die Verfahren und Modelle sind inzwischen so gut, dass sich die Prognosen für den aktuellen oder die nächsten Tage als robust erweisen. Wichtig sind die kartenbasierten Tools, da man einen Eindruck vom gesamten Wettergeschehen hat und nicht nur das vermeintliche Punktwetter eines Ortes. Besonders gut waren SeamanPro von Wetterwelt, windy, Boradiagramm, NAVTEX und die lokalen Berichte (unter “Wetter” auf dieser WebSite”). Insbesondere Seaman Pro mit GRIB-Daten von Wetterwelt lohnt sich. Internet kann ausfallen, was bei den starken Erdbeben in Kroatien Ende Dezember 2020 auch zeitweise eintrat. Wetter bekommt man dann “wie in alten Zeiten?” – nö, wie man das heute immer noch können sollte: über Funk. Allerdings war das Netz nur ein paar Stunden über Land / Marina gestört, LTE lief schnell wieder.

8. Ausreichend Proviant m.E. wichtige Voraussetzung: Für die sinnvolle und im Lockdown ohnehin nicht anders mögliche Verpflegung ist viel an Bord, um wochenlang nicht nur zu überleben, sondern auch lecker zu essen. Neben schnell vergänglichem Gemüse wie Tomaten und Bananen der ersten Tage sind ausreichend Zwiebeln an Bord. Auch gebraten / gekocht hat die Zwiebel viele Vitamine und ist eine kleine eigene “Apotheke” der Naturheilmittel. Sie stand täglich auf dem Speiseplan.

9. Frischwasser m.E. in jeder Marina bunkern: Einen vollen Tank an Bord gibt es in (fast) jeder Marina auch im Winter. Man kann aber auch an Stegen einwehen, die das Wasser im Winter abgestellt haben, so in der Altstadt Pula geschehen. Also jede Möglichkeit nutzen.
Für Kaffee etc. sind ausreichend Flaschen stillen Mineralwassers an Bord. Sonstige Getränke wie Wein und Bier in ausreichender Menge bunkern, allerdings darf es m.E. mit dem Alkohol erst nach dem Anlegen losgehen und auch nur so viel, dass man am nächsten Morgen früh fit ist.

10. Tagesplan m.E. “early bird”: Die Tage sind kurz Ende Dezember. Um die Etmale zu schaffen, musste ich mindestens 5 kn Fahrt sicherstellen (auf 33 ft.) und auch vor Sonnenaufgang ablegen. Es handelte sich um ca. 30-45 min. vor Sonnenaufgang, da ich grundsätzlich nicht noch das Risiko “Nacht” on top nehmen wollte. Im Winter war viel Treibholz unterwegs, und das musste nun nicht auch noch sein… resultierend morgens um 0500 ging der Wecker, Borddusche und ordentliches Frühstück gehörten dazu, denn tagsüber war keine Zeit fürs Kochen oder großes Buffet.

11. So wird es m.E. erfolgreich und mit der notwendigen Leichtigkeit, dem “Flow”. Die mentale, von vielen vernachlässigte oder nicht in der Ausbildung vermittelte Ebene: In weise im Sport immer die mentale Ebene hin. Diese gilt beim Skifahren, Golf oder auch beim Segeln und ist ein hervorragender Beitrag, um den Törn gelingen zu lassen. Das Unbewusste / Unterbewusstsein beeinflusst den Erfolg eines Törns ebenso wie das Gelingen eines Hafenmanövers z.B. eines Anfängers vor Publikum. Das Unbewusste kennt kein “nicht”. Es ist daher unmöglich, sich zu sagen, “bloss nicht an ein rotes Schiff denken” (na, war es rot im Kopf??), “bloss nicht das Hafenmanöver versemmeln durch vertreiben oder zu viel Gas”, “Hauptsache ein Scheitern vor dem Publikum vermeiden”….
Man kann unbewusst nur ein Ziel verfolgen, kein Scheitern vermeiden. Kopf und Körper tun alles, um ein Ziel (Bild im Kopf) zu erreichen. Also immer auf den Plan des Tages, auf den konkreten Ablauf der Strategie, Taktik, Technik und Manöver denken, nicht auf das “Vermeiden von…” im konkreten Moment.
Dabei ist das mentale Fokussieren als Geheimnis des Erfolges nicht nur bei Spitzensportlern relevant, sondern auch bei Breitensportlern und Anfängern. Und so läuft alles mit der ständigen positiven und mit Freude verbundenen Zielfokussierung, welche einen zusätzliche Sicherheit gibt. Der Weg ist das Ziel, und der macht auch im Winter eine Menge Spaß!

Einlaufen in die Marina Opatija am 31.12.2020

31.12.2020 – Cres-Opatija

“Nur noch mal eben von Cres nach Opatija” könnte nachlässig werden lassen, darf es am letzten Tag aber nicht. Also wieder früh um 0720 ablegen, Segel setzen und mit der Lifeline wie jeden Tag einpicken, um entlang der Westküste von Cres einen klasse Schlag zu segeln. Kurz vor dem Verkehrstrennungsgebiet (VTG) “Vela Vrata” Segel bergen und unter Maschine in der sog. Küstenverkehrszone gegen (in der Düse) 5 Bft. Wind und Welle sowie gegen Strom durch. Bevor die OpenToBe in die Vela Vrata steuert, empfängt uns (mich und das Boot) ein Regenbogen von der Westseite des Kvarner bis zur Insel Cres. Dieser eindrucksvolle Torbogen extra für die OpenToBe? …
Nach dem VTG öffnete sich das klasse Panorama der Bucht von Rijeka mit, die vor allem im Westen mit Lovran und Opatija beeindruckt. Im Kielwasser achteraus der Blick auf Cres und Krk – ein schöner Törnabschluss. Die Marina Opatija ist der neue Liegeplatz (“anchorage”) der OpenToBe, nicht zu verwechseln mit einem Heimathafen (“port of registry”), der formal unter deuscher Flagge eine deutsche Stadt mit schiffbarem Gewässer sein muss – in unserem Falle Hamburg.